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Poetry Slam – Nr. 1 in 2016

Genau, diese Überschrift habe ich mit Bedacht und doppeltem Sinn gewählt. Schon seit einiger Zeit wird das slammen ja immer beliebter und verspricht bei jedem Mal eine volle Hütte, ob nun bei der Kieler Woche oder bei den regelmäßig monatlichen stattfindenden Veranstaltungen – Pumpe und Schaubude sind da ganz weit vorn mit dabei.

Und was ist Slam Poetry?

Reduziert gesagt, ein live Dichter-Wettstreit mit eigenen Texten. Zeitlich beschränkt (beim Kieler Poetry Slam auf 6 Minuten)  und nach den Vorträgen der Künstler/Slammer entscheidet eine Jury z.B. über Applaus-Messung oder eine Fachjury mit Benotung, wer den Slam gewinnt.

P.S. Nr. 1 in Kiel

Dass die Veranstaltung beliebt ist, sieht man schon beim Ankommen in der Pumpe – bzw. VOR der Pumpe, denn eine laaaange Schlange steht bis zur Kehdenstraße, um an diesem endlich mal kalten Winterabend eingelassen zu werden. Und die Hütte ist voll, sehr voll. Was mich für jeden einzelnen der Slamteilnehmer sehr freut, denn vor einem so vollen Haus teilzunehmen ist zwar sicher für die Neulinge ein wenig Angst einflößend, aber doch auch der Hammer,  sich so präsentieren zu können.

Vorgeplänkel

Am Anfang erklärt Björn Högsdal, was an diesem Abend abgeht und vor allem, wie abgestimmt wird. Björn ist inzwischen seit mehr als einem Jahrzehnt einer DER Männer im deutschen Poetry Slam und hat diverse Bücher veröffentlicht, ist Lektor, Schriftsteller, Moderator und wohl der größte Poetry-Slam-Veranstalter und Moderator im Norden. Und sobald er den Mund aufmacht, fliegt ihm jede Menge Sympathie für seine Art zu.

Unterstützt wird er von seinem Sidekick Michael Kühn, dem amtierenden Landesmeister im Poetry Slam.
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Intro

Am heutigen Donnerstag stehen 9 Teilnehmer auf der Bühne, Neulinge und alte Hasen. Eröffnet wird der Reigen allerdings außer Konkurrenz von Special Guest Nils Straatmann alias Bleu Broode 2008 mit einem wilden Ritt aus seiner Geburtsstadt Geesthacht, erklärt dabei nebenbei die Zusammenhänge von der ebenfalls dort geborenen Diddlmaus und dem ältesten AKW Deutschlands. Schlagende anti Hippster-Attributen treffen auf Opas Erziehung und Ansichten eines Heldes, der eben nicht fällt sondern schlimmstenfalls mit schmerzhaftem Aufprall fliegt.
Herrlich. Wer es verpasst hat – am 24.1. liest Bleu aka Nils im Mum & Dad aus seinem neuen Buch. Also nix wie hin da!

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 Ausgelost geht´s los

Danach geht es dann aber wirklich mit den neun Hauptakteuren des heutigen Abends los – ausgelost werden Dreiergruppen, aus denen dann jeweils ein bester gekürt wird und von denen dann am Ende des Abends nach einem furiosen Finale hoffentlich ein Sieger feststeht.
In der ersten Etappe gehen Kaleb Erdmann, Tobi Katze und Lena Iversen miteinander ins Rennen.
Da der eigentlich für den Start ausgeloste Kaleb Erdmnn dank DB erst etwas später eintreffen wird, beginnt Tobi Katze von regelmäßigen Eskalationen „alter Menschen“ ab 35 zu berichten, die ihrer Zügellosigkeit bei Spieleabenden mit Monopoly und Kniffel frönen.
Herrlich für mich vor allem die Aussage, dass beim Einrichten der Babyfon-Richtfunkstrecken binnen nur 20 Minuten selbst der BND noch etwas lernen könnte. Und die Sache mit den Ersatz-Kniffelblöcken nachts um vier – aber genug davon – Kauft Euch das Buch oder kommt beim nächsten Mal selbst! Für mich war es schwer, mich in Sachen Applaus zwischen ihm und dem nachfolgenden Kaleb Erdmann zu entscheiden.
Der Zwischenruf „Ich liebe Deine Schuhe“ hatte übrigens guten Grund!
 Lena Iversen zeigte  eine andere Facette des Slams. Mit „Aller Anfang macht erfinderisch“ präsentierte sie nachdenklich machende Poesie genau auf den Punkt, treffend beschrieben die Momenten, in denen wir uns schwach, hilflos und allein fühlen – ohne Pathetik darin, klar fokussiert.
 Die Frage, wie viel mal Bus verpassen einmal Ebola ist, damit beschäftigt sich Kaleb Erdmann in seinem Vortrag. Bissig und dabei charmant verpackt er das Thema, wessen Leid mehr wert ist als das des anderen, in einen lebendig vorgetragenen Text und hält der Gesellschaft mit ihrem Social Media Gebahren, eins um das andere aufzuwiegen und in Relation zu setzen, den Spiegel vor. So launig verpackt, dass er dann auch aus diesem ersten Block der Vortragenden als Gewinner hervorgeht.
Mit Thomas Spitzer steht ein Oberpfälzer „Tim Benzko in hässlich“ als nächstes auf der Bühne, der sich mit der Betrachtung dessen, „Wenn alles ein bißchen anders wäre“ den Sieg des zweiten  Slamabschnitts erdichtet.
Der Frühling mit seinen 50 shades of May und die Betrachtung dessen, dass Sozialpädagogik mit 5 Jahren Mandalas ausmalen „voll das schwere Studium“ ist, tragen sicher dazu bei.
Tom Toxic aus Kiel lässt uns mit seinem Vortrag „Sie waren schon mal da“ an seinem letzten besonderen Kuchen-Meeting mit dem Rosswell-Gläubigen Kumpel teilhaben. Er beschreibt die Lichter, Irritation der Sinne und die Frage, was nun wirklich real war – oder nicht. Respekt für diesen ersten Auftritt als Slammer!
Maria Victoria aus Lübeck schürt mit ihrem Text die Vorstellung „Stellt euch vor ihr seid in einem Ballsaal und könnt nicht tanzen weil das Orchester sich ständig verspielt“ und lässt uns damit die Gefühlswelt erleben, wenn man immer wieder erklärt bekommt, dass man nicht nur Fehler macht, sondern einer ist – und statt Hilfe beim Finden zu sich selbst gegen die Außenwelt noch darum kämpfen muss, man selbst sein zu können – und eben kein Fehler. Ich fand das sehr bewegend und auf den Punkt getroffen, gerade auch weil es die Erzählungen einiger meiner Freunde/Freundinnen, trifft, die mit dem Thema Trans lange schwanger gehen mussten, bevor sie sich selbst fanden.
Die letzte Gruppe startete mit Leonie Balkau und dem „Tellerrand“ zu ihrem ersten Slam-Auftritt. Kreativität, Ordnung, sich es in der Mitte des Tellers bequem machen, weil man immer wieder dort hin getrieben wird, ist das noch Satire oder Sarkasmus, wenn man mit strahlendem Lächeln gegen Mauern läuft? Wieder ein treffender Text, in Ansätzen noch launig verpackt aber auch eher dem ernsteren Genre zuzurechnen. Und ja, auch hier – ein schöner Vortrag.
Rainer Holl aus Dortmund sieht dann wieder eher mit einem Augenzwinkern und Grinsen im Gesicht auf seine Mitmenschen und zieht die Yoga-Atemtechnik-Jünger und Bewusstseins- und Achtsamkeitsfanatiker reichlich durch den Kakao. Für mich besonders beeindrucken, dass er offensichtlich Hautatmung beherrscht – über Minuten war für mich keine Atempause hörbar. Offensichtlich hat bei ihm die Atemtechnik-Sendung im Radio zu hören doch etwas gebracht …
Letzter der Vorrunde mit „Das Leben schreibt die schönsten Geschichten“ dann Danny Koch. „Es gibt Helene Fischer und Massenvernichtung . Währenddessen schreibt jemand die schönsten Geschichten. Wer schreibt dann die schlechten?“ Mit dieser und vergleichbaren Betrachtungen kann er sich zwar nicht gegen Rainer Hall durchsetzen – aber es gibt ja keine verpasten Chancen, nur andere Gelegenheiten.

Das Finale

Rainer Holl arbeitet mit „Dieter“ sein Trauma der beginnenden Glatze auf. Momenten befindet er sich noch in der Vorhölle des Haarausfalls. Bei anderen Menschen gibt es freche Frisuren, seine ist inzwischen eine Frechheit. Diesmal bleibt er das „vor Hair Foto“, die beiden Siegerbildchen werden an Thomas Spitzer und Kaleb Erdmann, die beiden Süddeutschen Exporte des Abends verteilt.
Und das zu Recht, denn ohne Thomas Spitzer „Was“ wüssten wir nicht, dass man beim Saufen nicht vergessen sollte, das es auch noch andere Drogen gibt. Und dass man Veganer nicht wegen ihrer Art, sich zu ernähren, nerven sollte (ja, sie einen bei unserer eigenen natürlich auch nicht …) denn die Frage, woher ein Veganer sein B 48 nimmt, geht nun mal nur ihn selbst etwas an. Übrigens die Antwort – daher, wo ein ein Blauwal seine Rosinen herbekommt …
Und Kaleb Erdmann hat noch eine große Schippe mitgebracht, auf die er mit „Leb dein Leben – nicht“ alle Yolo-Jünger nimmt, auch wenn der Yolo-Mann dann unzufrieden ist, wenn man sein Leben nicht lebt sondern lieber auf der Couch liegenbleibt.

Mein Fazit

Ich fand ja schon vor diesem Ereignis Poetry Slam wirklich cool, aber nun NOCH mehr. Kurzweilig durch die Zeitbegrenzung der einzelnen Künstler, ohne den Peinlichkeitsfaktor so mancher Comedy-Veranstaltungen macht es Spaß, diesen geistvollen Menschen auf der Bühne zuzuhören und -zusehen.

Ich bin infiziert!

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